Wir leben in einer Stadt, die niemals wirklich still steht. Wien ist voller Leben, die U-Bahnen sind morgens gedrängt voll, in den Schanigärten sitzen Menschen dicht an dicht, und doch ist das Gefühl der Isolation für viele ein ständiger Begleiter. Es klingt paradox. Wie kann man sich einsam fühlen, wenn man physisch fast nie alleine ist?
In meiner Praxis zeigt sich jedoch oft, dass gerade die Anonymität der Großstadt dieses Gefühl verstärken kann. Man ist umgeben von Gesichtern, aber man spürt keine Verbindung. In der Logotherapie ist es mir wichtig, zunächst zwei Begriffe sauber voneinander zu trennen, wenn wir diese Einsamkeit überwinden wollen: Das Alleinsein und das Einsamsein. Denn während das eine ein äußerer Zustand ist, ist das andere ein innerer Schmerz.
Wenn die Stille schmerzt
Einsamkeit ist das quälende Gefühl, abgetrennt zu sein. Es ist ein Erleben von Mangel, bei dem wir uns nicht gesehen und nicht gemeint fühlen. Man kann sich inmitten einer Party oder in einer Partnerschaft zutiefst einsam fühlen, wenn die innere Resonanz fehlt. Das Alleinsein hingegen ist zunächst nur eine neutrale Tatsache. Es ist kein anderer Mensch anwesend. Dass wir diesen Zustand heute oft so schwer ertragen und sofort zum Smartphone greifen, um uns abzulenken, hat oft einen tieferen Grund. Wir fliehen vor der Begegnung mit uns selbst.
Wer allein ist, ist auf sich selbst zurückgeworfen. Und wenn wir uns selbst fremd geworden sind, wenn wir unsere eigenen Gedanken und die Stille als bedrohlich empfinden, dann kippt das wertvolle Alleinsein schnell in die schmerzhafte Einsamkeit.
Einsamkeit überwinden – Der Weg zur Freundschaft mit sich selbst
Ein zentraler Schlüssel zur Überwindung der Einsamkeit liegt paradoxerweise darin, das Alleinsein neu zu lernen. Es geht darum, die Beziehung zu sich selbst zu stärken. Die Logotherapie und Existenzanalyse weist uns fortwährend darauf hin, dass wir nie ganz allein sind, solange wir „bei uns selbst“ sind.
In der Therapie arbeiten wir daran, dass Sie sich selbst wieder ein guter Gastgeber werden. Wir fragen uns, „Wie gehen Sie mit sich um, wenn niemand zuschaut? Sind Sie ein strenger Kritiker oder ein wohlwollender Gefährte?“. Wenn es uns gelingt, die Zeit mit uns selbst nicht als Leere, sondern als Freiraum für eigene Gedanken, für Genuss oder Kreativität zu füllen, verliert die Einsamkeit ihren Stachel. Wer in sich selbst beheimatet ist, braucht die anderen Menschen zwar immer noch zur Bereicherung, aber nicht mehr zur bloßen Füllung eines inneren Lochs.
Offen werden für echte Begegnung
Wenn wir aufhören, krampfhaft vor dem Alleinsein zu fliehen, geschieht oft etwas Erstaunliches. Wir werden wieder fähig zu echter Begegnung. Einsamkeit macht uns oft bedürftig und eng. Wir scannen unsere Umgebung förmlich danach ab, wer uns erlösen könnte. Das heilsame Alleinsein hingegen schenkt uns Ruhe und Autonomie. Aus dieser Haltung heraus können wir uns der Welt wieder zuwenden. Nicht, weil wir müssen, sondern weil wir wollen.
In meiner Praxis begleite ich Sie auf diesem Weg von der Isolation zurück in die Verbindung. Wir stärken Ihr inneres Fundament, damit Sie sich auch in der großen Stadt nicht mehr verloren, sondern bei sich selbst geborgen fühlen. Denn die beste Voraussetzung für gute Beziehungen zu anderen ist eine gute Beziehung zu sich selbst.
