„Muss ich erst am Boden liegen?“ – Wann der richtige Zeitpunkt für Therapie ist

Vielleicht kennen Sie diesen Gedanken: „So schlimm ist es doch gar nicht. Anderen geht es viel schlechter. Ich muss mich nur etwas mehr zusammenreißen.“ Dieser Satz ist einer der treuesten Begleiter vieler Menschen, die eigentlich längst Unterstützung bräuchten. In unserer Gesellschaft hält sich hartnäckig der Glaube, dass Psychotherapie die letzte Bastion ist. Der „Notanker“, den man erst wirft, wenn das Schiff bereits sinkt. Aber ist das wirklich so?

Stellen Sie sich kurz vor, Sie hätten seit Wochen Zahnschmerzen. Ein beständiges Ziehen, das Sie nachts nicht schlafen lässt und Ihnen tagsüber die Freude am Essen nimmt. Würden Sie tatsächlich warten, bis der Zahn ausfällt oder die Entzündung unerträglich wird? Wahrscheinlich nicht. Sie würden einen Termin bei Ihrem Zahnarzt vereinbaren, um den Schmerz zu lindern und die Ursache zu beheben. Bei unserer seelischen Gesundheit hingegen zögern wir oft fatalerweise. Wir behandeln unsere Psyche, als müsste sie unendlich belastbar sein. Dabei fragen sich so viele Menschen heimlich und viel zu lange, wann in Therapie gehen eigentlich der richtige Schritt wäre, während wir unserem Körper viel schneller und auch öfter Erholung und Pflege zugestehen.

Leid braucht kein Maßband

In meiner Praxis erlebe ich oft Menschen, die sich fast entschuldigen, wenn sie zum Erstgespräch kommen. Sie fürchten, ich könnte ihr Anliegen als „zu klein“ oder „nicht dramatisch genug“ abtun. Doch in der Psychotherapie und besonders in der Existenzanalyse gibt es kein objektives Maßband für Leid. Es gibt keinen Schwellenwert, den Sie überschreiten müssen, um sich das Recht auf Hilfe zu verdienen.

Wenn Sie spüren, dass Ihre Lebensqualität eingeschränkt ist, dass sich graue Schleier über Ihren Alltag legen oder Ängste Ihren Radius immer enger ziehen, dann ist das jedenfalls Grund genug. Der richtige Zeitpunkt ist genau dann, wenn Sie merken, dass Sie alleine nicht mehr weiterkommen oder sich nur noch im Kreis drehen. Leid ist immer subjektiv. Wenn es sich für Sie schwer anfühlt, dann ist es schwer – Punkt.

Prävention statt Reparatur – Wann ist in Therapie zu gehen sinnvoll?

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist unser Verständnis von Therapie. Viele sehen darin eine Werkstatt, in der man „repariert“ wird, wenn man „kaputt“ ist. Ich lade Sie ein, das Bild zu wechseln. Sehen Sie Therapie eher als eine gemeinsame Expedition. Ein Bergführer wartet nicht, bis der Wanderer in die Gletscherspalte gestürzt ist, um ihn zu retten. Er hilft ihm idealerweise schon vorher, den sichersten Weg zu finden, die Ausrüstung zu prüfen und die eigenen Kräfte richtig einzuschätzen.

Sich frühzeitig Unterstützung zu holen, kann verhindern, dass aus einer Krise eine chronische Erkrankung wird. Es ist ein Akt der Selbstfürsorge, nicht des Scheiterns. Gerade in Phasen der Neuorientierung, bei Verlusten oder anhaltender Erschöpfung kann der neutrale, geschützte Raum der Therapie helfen, wieder Boden unter den Füßen zu gewinnen, bevor man ihn ganz verliert.

Der Mut zum ersten Schritt

Es erfordert Mut, zum Hörer zu greifen oder eine E-Mail zu schreiben. Dieser Schritt bedeutet, sich einzugestehen, dass man etwas ändern möchte. Aber genau darin liegt bereits der erste Moment der Heilung: Sie übernehmen wieder die Gestaltungsmacht über Ihr Leben. Sie warten nicht mehr passiv ab, bis der Leidensdruck unerträglich wird, sondern sorgen aktiv für sich.

Ich versuche deshalb  in meiner Praxis in Wien meinen Gesprächspartnern nicht als derjenige zu begegnen, der ihr Leben besser kennt als sie, sondern als Begleiter, der ihnen hilft, die eigene Landkarte wieder lesen zu lernen. Ob diese nun mit einer schweren Last kommen oder „nur“ mit einem Stein im Schuh, der sie am Weitergehen hindert. Jede Person ist mir willkommen. Sie müssen nicht erst am Boden liegen, um aufzustehen und eine neue Richtung einzuschlagen.

 

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Praxis für Psychotherapie in Wien 1010 – zentral erreichbar im ersten Bezirk

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