Sicherheit oder Freiheit? Warum wir Kontrolle loslassen müssen, um wirklich zu leben

Wir Menschen sind Meister im Absichern. Wir schließen Versicherungen ab, planen unsere Karrieren Jahre im Voraus und versuchen, Risiken so weit wie möglich zu minimieren. Dieses Streben nach Sicherheit ist verständlich und zutiefst menschlich. Es gibt uns ein Gefühl von Halt in einer oft unübersichtlichen Welt. Doch in meiner Praxis erlebe ich oft, dass dieses Sicherheitsbedürfnis zu einem goldenen Käfig werden kann. Besonders dann, wenn die Furcht vor der Angst beginnt, das Handeln zu regieren.

Wenn der Wunsch nach Kontrolle übermächtig wird, ersticken wir langsam unsere eigene Lebendigkeit. In der Existenzanalyse stehen wir vor einer paradoxen Wahrheit. Wer versucht, das Leben vollkommen sicher zu machen, verliert dabei oft das eigentliche Leben, denn Leben bedeutet immer auch Risiko, Veränderung und Unvorhersehbarkeit.

Die Illusion der Machbarkeit

Wir leben in einer Kultur, die uns suggeriert, alles sei machbar und kontrollierbar, wenn wir uns nur genug anstrengen. Doch das ist eine Illusion der Kontrolle. Weder unsere Gesundheit, noch unsere Beziehungen oder unsere berufliche Zukunft lassen sich vollständig in Excel-Tabellen pressen. Der Versuch, absolute Kontrolle zu erlangen, kostet uns nicht nur unendlich viel Kraft, er engt auch unseren Blick ein.

Wir starren so gebannt auf mögliche Gefahren, dass wir die Chancen am Wegesrand übersehen. Wer sich gegen das Unvorhergesehene abschottet, sperrt auch das Schöne aus: die spontane Begegnung, die überraschende Wendung, das Neue, das nur durch die „Lücke“ im Plan zu uns kommen kann.

Mut zur Lücke und zum Vertrauen

Der Gegenpol zur starren Kontrolle ist nicht Leichtsinn, sondern Vertrauen. Es ist der „Mut zur Lücke“. Der Mut, nicht alles wissen und regeln zu müssen. In der therapeutischen Arbeit geht es oft darum, dieses Urvertrauen wiederzuentdecken. Es bedeutet, die innere Haltung zu entwickeln „Ich weiß nicht, was auf mich zukommt, aber ich traue mir zu, damit umzugehen, wenn es da ist.“

Anstatt Energie darauf zu verwenden, die Wellen des Lebens glätten zu wollen, lernen wir lieber, das Surfen zu üben. Diese Haltung schenkt uns eine enorme innere Freiheit. Wir müssen nicht mehr der Wachmann unseres eigenen Lebens sein, sondern dürfen wieder zum Entdecker werden.

Sicherheit in sich selbst finden

Wenn wir die Sicherheit im Außen durch Kontrolle und Garantien ein Stück weit loslassen, müssen wir sie woanders finden, idealerweise in uns selbst. Das ist der Kern der logotherapeutischen Arbeit. Wir stärken Ihre inneren Ressourcen, Ihre Werte und Ihre „Trotzmacht“, damit Sie sich selbst genug Halt geben können, auch wenn das Leben um Sie herum wackelt.

Kontrolle loslassen

Wahre Sicherheit entsteht nicht durch die Abwesenheit von Gefahr, sondern durch das Wissen um die eigene Widerstandskraft und die Bindung an das, was Ihnen wertvoll ist. Wir üben gemeinsam, das Ungewisse nicht als Bedrohung, sondern als offenen Raum für Gestaltung zu betrachten. Es ist eine Einladung, die Zügel etwas lockerer zu lassen und zu spüren, wie das Leben wieder zu atmen beginnt.

 

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