Wenn wir uns in einer tiefen Krise oder einer depressiven Phase befinden, gleicht das Leben oft einer Fahrt auf stürmischer See bei dichtem Nebel. Unsere Werte und Orientierung gehen verloren, und das, was uns früher Freude bereitet hat, verschwindet hinter einem grauen Schleier der Gleichgültigkeit. In solchen Zeiten verlieren wir oft den Kontakt zu unseren Gefühlen. Doch gerade wenn die emotionale „Wetterlage“ rau und unübersichtlich ist, brauchen wir etwas, das uns Halt gibt. Unsere Werte in der Krise verhindern, dass wir abgetrieben werden.
In der Existenzanalyse und Logotherapie bezeichnen wir diese Haltepunkte als Werte. Sie sind keine starren moralischen Regeln, sondern die ganz persönlichen Leuchttürme, die uns zeigen, was uns im Innersten wirklich wichtig ist, auch dann, wenn wir es gerade nicht fühlen können.
Werte bleiben bestehen, auch wenn das Gefühl schweigt
Ein tückisches Merkmal der Depression ist, dass sie uns vorgaukelt, nichts sei mehr von Bedeutung. Die Dinge, für die wir früher gebrannt haben, sei es die Natur, die Musik, die Familie oder der Beruf, scheinen ihren Reiz verloren zu haben. Doch hier liegt ein entscheidendes Missverständnis, das wir in der Therapie gemeinsam aufklären. Ein Wert verschwindet nicht, nur weil die Fähigkeit, ihn emotional zu genießen, vorübergehend blockiert ist. Die Liebe zu einem Menschen oder die Bedeutung einer Aufgabe bleibt wahr, auch wenn sie im Moment nicht spürbar ist. Es ist wie bei der Sonne hinter den Wolken. Wir sehen sie nicht, wir spüren ihre Wärme nicht, aber wir wissen, dass sie da ist. An diesem Wissen können wir uns festhalten.
Handlung als Brücke zum Sinn
Wozu ist dieses Wissen gut, wenn man sich doch so leer fühlt? Es dient uns als Kompass für unser Handeln. Wenn wir uns nur nach unserer momentanen Befindlichkeit richten würden, blieben wir im Bett liegen, weil die Antriebskraft fehlt. Richten wir uns jedoch nach unseren Werten, können wir die „Trotzmacht des Geistes“ aktivieren. Wir tun etwas nicht, weil es uns gerade Spaß macht, sondern weil es uns wertvoll ist. Wir gehen vielleicht spazieren, nicht aus Lust, sondern weil uns die Gesundheit oder die Natur wichtig ist. Wir rufen einen Freund an, nicht aus Geselligkeit, sondern weil uns die Freundschaft heilig ist. Diese wertorientierten Handlungen sind der Anker, der uns in der Realität hält. Sie bewahren uns davor, ganz im Strudel der dunklen Gedanken zu versinken.
Die kleinen Anker im Alltag
In meiner Praxis geht es mir nicht darum, dass Sie in der Krise sofort große Heldentaten vollbringen. Wertearbeit ist oft Arbeit im Kleinen. Gemeinsam suchen wir nach den noch so unscheinbaren Dingen, die für Sie persönlich eine Bedeutung haben. Das kann die Pflege einer Pflanze sein, die Sorge für ein Haustier oder das bewusste Trinken einer Tasse Tee. Indem wir uns diesen Werten wieder zuwenden, oft erst rein kognitiv und durch Handeln, später dann wieder fühlend, bauen wir eine Brücke zurück ins Leben.
Wer ein „Wozu“ hat, für das er einsteht, kann fast jedes „Wie“ ertragen. Ihre Werte sind der feste Boden, auf den Sie Ihre Füße stellen können, bis der Nebel sich lichtet und die Gefühle langsam zurückkehren.
