Es ist ein Phänomen, das viele Menschen kennen, auch wenn sie selten darüber sprechen. Oft ist es gar nicht die eigentliche Situation, wie der Vortrag, die U-Bahn-Fahrt oder das volle Wartezimmer, die uns die Kehle zuschnürt. Es ist vielmehr die Angst davor, dass die Angst kommen könnte. Wir fürchten uns vor dem Erröten, dem Zittern, dem Schwitzen oder der Panikattacke selbst.
In der Logotherapie nennen wir dies die „Erwartungsangst“. Es entsteht ein Teufelskreis. Weil wir so angestrengt versuchen, ruhig zu bleiben und die Symptome zu vermeiden, verkrampfen wir uns innerlich erst recht. Wir beobachten uns selbst mit Argusaugen, und genau diese fixierte Aufmerksamkeit holt das gefürchtete Übel erst hervor. Doch es gibt einen Weg, diesen Knoten zu lösen. Er erfordert ein wenig Mut und eine Prise Humor.
Den Spieß einfach umdrehen
Die Logotherapie hat für diesen Mechanismus mit der Paradoxen Intention eine geniale, wenn auch auf den ersten Blick verblüffende Methode entwickelt. Normalerweise tun wir alles, um der Angst zu entfliehen. Wir kämpfen gegen sie an oder vermeiden die Auslöser. Die Logotherapie schlägt nun vor, genau das Gegenteil zu tun.
Statt vor der Angst davonzulaufen, laden wir sie ein. Wir gehen in die Offensive. Das klingt zunächst widersinnig, doch das Prinzip dahinter ist einleuchtend. Man kann nicht gleichzeitig vor etwas davonlaufen und darauf zugehen. Wenn wir aufhören, das Symptom zu bekämpfen, und es stattdessen für einen Moment sogar übertrieben herbeiwünschen, nehmen wir der Angst den Wind aus den Segeln.
Mit Humor gegen die Ohnmacht
Ein Beispiel verdeutlicht, wie das in der Praxis aussehen kann. Wer Angst hat, in einer Besprechung zu zittern, versucht meist krampfhaft, die Hände ruhig zu halten und zittert dadurch erst recht. Die paradoxe Antwort wäre der innere Entschluss „Heute zeige ich den Kollegen einmal, wie toll ich zittern kann! Ich werde rütteln wie ein Presslufthammer.“ Oder wer fürchtet zu erröten, könnte sich sagen „Heute werde ich so rot, dass ich der Feuerwehr Konkurrenz mache.“ Das mag albern klingen und genau das ist der Punkt. Die Angst ist ein sehr ernster, humorloser Geselle. Indem wir ihr mit Witz und Übertreibung begegnen, distanzieren wir uns von ihr. Wir nutzen unsere menschliche Fähigkeit zur Selbstdistanzierung und stellen uns über das Symptom, statt darunter zu leiden.
Ein Übungsfeld in geschütztem Rahmen
Natürlich erfordert es Überwindung, der Angst auf diese Weise frech ins Gesicht zu lachen, besonders wenn der Leidensdruck hoch ist. Es ist eine Technik, die wir in der Praxis behutsam und Schritt für Schritt einüben. Es geht nicht darum, sich über das eigene Leid lustig zu machen, sondern darum, die „Trotzmacht des Geistes“ zu aktivieren. Wir lernen gemeinsam, die Fixierung auf das Symptom zu lockern.
Wenn Sie aufhören, die Angst um jeden Preis vermeiden zu wollen, verliert sie ihre Bedrohlichkeit. Sie werden erleben, dass der gefürchtete Sturm oft gar nicht aufzieht, wenn Sie die Fenster weit öffnen und ihn hereinbitten. Sie holen sich damit die Kontrolle zurück. Nicht durch Verbissenheit, sondern durch eine spielerische Souveränität.