Depression als ungebetener Gast – Wie wir lernen, ihn an der Tür stehenzulassen

Ist ein Umgang mit Depression überhaupt möglich? Ja.

 

Es gibt Besucher im Leben, die man nie eingeladen hat und die dennoch plötzlich vor der Tür stehen. Die Depression ist wohl einer der eindringlichsten und schwersten dieser Gäste. Sie bringt eine bleierne Schwere mit sich, verdunkelt den Blick auf die Welt und nistet sich oft so dominant in unserem Alltag ein, dass wir glauben, wir bestünden nur noch aus Traurigkeit und Erschöpfung.

In meiner therapeutischen Arbeit begegne ich vielen Menschen, die sagen: „Ich bin depressiv.“ Doch genau hier, in diesem kleinen Wort „bin“, liegt ein entscheidender Ansatzpunkt der Logotherapie. Ein hilfreicher Umgang mit Depression beginnt oft mit einer kleinen Erkenntnis: Sie sind nicht die Krankheit. Ich möchte Sie einladen, diesen Satz behutsam umzuformulieren. Sie sind nicht die Depression. Sie haben eine Depression. Das ist ein gewaltiger Unterschied!

Sie sind mehr als Ihre Krankheit

Wenn die Dunkelheit übermächtig scheint, verschwimmt oft die Grenze zwischen unserer Persönlichkeit und der Erkrankung. Wir fühlen uns identisch mit dem Leid. Viktor Frankl, der Begründer der Logotherapie, hat jedoch stets betont, dass der Mensch nicht mit seinen psychischen oder körperlichen Zuständen gleichzusetzen ist. Stellen Sie sich die Depression wie einen schweren, nassen Mantel vor, den man Ihnen umgelegt hat. Dieser Mantel drückt, er engt ein und er macht jede Bewegung mühsam. Aber unter diesem Mantel sind Sie immer noch Sie selbst. Ihre Werte, Ihre Geschichte, Ihr Humor und Ihre Liebesfähigkeit sind nicht verschwunden; sie sind momentan nur verdeckt.

Der gesunde Kern bleibt unversehrt

Das ist die tröstliche und zugleich kraftvolle Botschaft der Existenzanalyse: Ihr geistiger Kern, das eigentliche Wesen Ihrer Person, kann nicht krank werden. Er bleibt auch in der tiefsten Krise intakt. Wir nennen dies die „Trotzmacht des Geistes“. Selbst wenn die Gefühle und der Körper streiken, gibt es eine Instanz in Ihnen, die zu alldem Stellung nehmen kann. Diese Instanz ist fähig, den ungebetenen Gast zwar wahrzunehmen, ihm aber nicht das ganze Haus zu überlassen. Es geht nicht darum, die Depression gewaltsam vor die Tür zu setzen – das kostet oft Kraft, die man gerade nicht hat. Es geht vielmehr darum, ihr einen festen Platz zuzuweisen, damit sie nicht das Wohnzimmer Ihres Lebens besetzt.

Dem „Gast“ Grenzen setzen

In unserer gemeinsamen Arbeit in der Praxis Theranaut üben wir diese Kunst der „Selbstdistanzierung“. Wir lernen, den ungebetenen Gast an der Garderobe stehenzulassen, anstatt ihn bitten, den Tisch zu decken. Das bedeutet konkret: Wir erkennen an, dass die Schwere heute da ist, aber wir entscheiden uns vielleicht dennoch für einen kleinen Spaziergang oder ein kurzes Gespräch mit einem Freund – nicht, weil wir uns danach fühlen, sondern weil es uns wichtig ist. Indem wir handeln, obwohl der Gast da ist, entziehen wir der Depression Schritt für Schritt die Macht. Wir stärken das Gesunde in Ihnen, bis der Raum für das Eigene wieder größer wird als der Raum, den die Krankheit einnimmt.

Ein Raum für Begegnung

Es erfordert Mut und Geduld, sich nicht mit der eigenen Dunkelheit zu identifizieren. Doch Sie müssen diesen Weg nicht allein gehen. Als Therapeut begleite ich Sie dabei, diese feine Unterscheidung im Alltag immer wieder zu treffen. Wir suchen gemeinsam nach den Momenten, in denen der „Mantel“ der Depression vielleicht ein kleines bisschen lockerer sitzt, und nutzen diese Augenblicke, um das Leben wieder hereinzulassen. Sie bleiben der Hausherr in Ihrem Leben – auch wenn gerade ein schwieriger Gast anwesend ist.

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Praxis für Psychotherapie in Wien 1010 – zentral erreichbar im ersten Bezirk

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