Es beginnt oft schleichend und harmlos. Man kontrolliert ein zweites Mal, ob die Haustür wirklich verschlossen ist. Man wäscht sich die Hände etwas gründlicher als nötig. Doch für viele Menschen wird aus dieser Vorsicht im Laufe der Zeit ein unsichtbares Gefängnis. Wenn Zwänge das Ruder übernehmen, fühlt sich das Leben nicht mehr frei an, sondern diktiert. Ein innerer Tyrann scheint ständig Befehle zu geben. „Zähl das noch einmal!“, „Fass das nicht an!“, „Denk bloß nicht diesen Gedanken!“.
In meiner Praxis begegne ich Menschen, die unter dieser Herrschaft leiden und oft viel Kraft aufwenden, um gegen diese Impulse anzukämpfen und ihre Zwänge zu überwinden. In der Logotherapie versuchen wir, die Funktion dieser Zwänge zu verstehen, um ihnen anschließend die Macht zu entziehen.
Ein missglückter Versuch, Sicherheit zu schaffen
Wenn wir hinter die Kulissen des Zwangs blicken, entdecken wir fast immer eine tiefe Sehnsucht nach Sicherheit. Das Leben ist von Natur aus unsicher und voller Risiken. Wir können nie zu hundert Prozent garantieren, dass kein Unglück geschieht. Für manche Menschen ist diese unvermeidbare Ungewissheit jedoch kaum auszuhalten.
Der Zwang bietet hier eine scheinbare Lösung an. Er verspricht, dass alles gut wird, solange man sich nur strikt an bestimmte Rituale hält. Der Zwang ist also eigentlich kein Feind, sondern ein, wenn auch missglückter, Versuch der Seele, mit der Angst vor dem Unvorhersehbaren umzugehen. Er ist der Versuch, absolute Kontrolle in einer Welt zu erlangen, die sich nicht kontrollieren lässt.
Der Kampf gegen die Gedanken
Das Tückische am Zwang ist seine Dynamik. Je mehr wir versuchen, die drängenden Gedanken zu unterdrücken oder gegen sie zu argumentieren, desto lauter werden sie. Es ist, als würde man versuchen, eine sprudelnde Quelle mit der bloßen Hand zuzuhalten. Dabei wird der Druck nur größer.
In der Logotherapie wählen wir daher oft einen anderen Weg. Statt mit dem „inneren Tyrannen“ zu diskutieren, lernen wir, ihn mit einer gewissen Distanz zu betrachten. Wir nutzen die „Trotzmacht des Geistes“, um uns nicht mehr bedingungslos von der Angst erpressen zu lassen. Wir erkennen an: „Da ist wieder dieser Gedanke, der mir Angst machen will.“ Aber wir müssen ihm nicht gehorchen.
Zwänge überwinden heißt auch Mut zur Lücke wagen!
Der Weg aus dem Zwang führt oft über das Zulassen von kleinen Unsicherheiten. Es ist das Wagnis, dem Leben wieder ein Stück weit zu vertrauen, ohne für alles eine Garantie zu haben. Das bedeutet, dem inneren Tyrannen Schritt für Schritt den Gehorsam zu verweigern. Vielleicht waschen wir die Hände einmal nicht sofort, sondern erst nach einer Minute. Vielleicht lassen wir eine kleine Unordnung bewusst zu.
In meiner Praxis üben wir gemeinsam diesen humorvollen und mutigen Widerstand. Wir lernen, über den pedantischen Tyrannen im Kopf vielleicht sogar ein wenig zu schmunzeln, anstatt vor ihm zu zittern. Denn wer gelernt hat, mit der Unvollkommenheit und dem Restrisiko des Lebens Frieden zu schließen, braucht die falsche Sicherheit des Zwangs nicht mehr.
