ADHS bei Erwachsenen – Den eigenen Rhythmus im Chaos finden

Chaos im Kopf? Das Gefühl, nie ganz ins Raster zu passen?

Vielleicht kennen Sie das Gefühl. Sie sind intelligent, kreativ und engagiert, doch der strukturierte Alltag entgleitet Ihnen immer wieder. Ist das ADHS? Viele Erwachsene, die zu mir in die Praxis kommen, haben jahrzehntelang versucht, in einer Welt zu funktionieren, die für „lineare“ Köpfe gebaut wurde. Sie tragen die Last von tausend angefangenen Projekten, ständiger innerer Unruhe und dem leisen, aber hartnäckigen Vorwurf an sich selbst, nie das volle Potenzial auf die Straße zu bringen.

Kein Defekt, sondern eine Lebensbedingung

Eine späte ADHS-Diagnose im Erwachsenenalter bringt oft Erleichterung, aber auch Fragen mit sich. Plötzlich hat das Chaos einen Namen. Aus Sicht der Existenzanalyse ist ADHS jedoch keine Ausrede und schon gar kein „Defekt“, der repariert werden muss. Es ist eine neurobiologische Realität, eine Bedingung, mit der viele Menschen leben. Doch wie Viktor Frankl treffend formulierte: Wir sind nicht frei von Bedingungen, aber wir sind frei, uns zu ihnen zu verhalten.

Den alten Schmerz anerkennen

Oft geht mit dieser späten Erkenntnis auch eine leise Trauer einher. Eine Trauer um die vielen Jahre, in denen wir uns verbogen haben, und um den quälenden Gedanken: „Hätte ich es doch nur früher gewusst.“ Auch diesen Gefühlen dürfen wir bewusst Raum geben. Denn erst wenn wir diesen alten Schmerz anerkennen, kann ein echtes Mitgefühl für uns selbst entstehen. Wir lernen, den gnadenlosen inneren Kritiker, der uns so lange angetrieben hat, endlich leiser zu stellen.

Die Maske ablegen und aufatmen

Viele Betroffene perfektionieren im Laufe ihres Lebens das sogenannte „Masking“. Sie lernen, ihre wahren Impulse und Symptome zu verbergen, um gesellschaftlichen Erwartungen zu entspreche, sei es im Beruf, in der Partnerschaft oder im Freundeskreis. Doch diese ständige Anpassungsleistung kostet Tag für Tag enorm viel Kraft und führt nicht selten in die totale Erschöpfung oder gar in ein Burnout. In der Therapie lade ich meine Klienten immer dazu ein, diese schwere Maske Stück für Stück abzulegen. Es darf, ja soll ein Raum entstehen, in dem sie nicht funktionieren müssen, sondern einfach sein dürfen. Mit all ihren Eigenheiten, sprunghaften Gedanken und intensiven Emotionen. Die Erlaubnis zur absoluten Authentizität ist oft der erste und wichtigste Schritt zur tatsächlichen Entlastung.

Werte als Kompass im Reizüberfluss

Wenn die Exekutivfunktionen, also jene kognitiven Fähigkeiten, die für Planung und Struktur zuständig sind, streiken, reicht ein klassischer Zeitplan oft nicht aus. Hier setzt die Logotherapie an, indem wir den Fokus von der reinen Pflichterfüllung auf das richten, was uns wirklich am Herzen liegt. Wir erarbeiten unsere persönlichen Werte, fragen was unserem Leben Sinn gib, wofür wir wirklich „brennen“. Wenn wir diese Werte als unseren inneren Kompass nutzen, wird es deutlich leichter, im täglichen Reizüberfluss Prioritäten zu setzen. Aufgaben, die tief mit unseren Werten verbunden sind, fallen dann oft erstaunlich leicht und wecken jenen berühmten „Hyperfokus“, der eine der größten und faszinierendsten Stärken neurodivergenter Personen darstellt.

Beziehungen auf einem neuen Fundament

Auch im zwischenmenschlichen Bereich hinterlässt ein unentdecktes ADHS oft Spuren. Missverständnisse häufen sich, wenn die Aufmerksamkeitsspanne in Gesprächen fluktuiert, man dem Gegenüber unabsichtlich ins Wort fällt oder Impulsivität zu ungewollten Konflikten führt. Ein gemeinsamer Blick darauf, wie unser Gehirn Informationen verarbeitet, kann nicht nur uns selbst, sondern auch unseren Liebsten enorm helfen. Wir suchen gemeinsam nach Wegen, wie wir unsere Bedürfnisse in Zukunft klarer kommunizieren können, ohne uns rechtfertigen zu müssen. Schlussendlich geht um den Aufbau von Beziehungen, die nicht auf ständiger Anpassung, sondern auf echtem gegenseitigem Verständnis und tiefer Akzeptanz beruhen.

Den unversehrten Kern im Chaos entdecken

In meiner Arbeit mit meinen Klienten geht es mir nicht darum, gegen ihr Gehirn zu arbeiten oder diese in ein starres Raster zu pressen. Wir begeben uns vielmehr gemeinsam auf die Suche nach unserem gesunden, unversehrten Kern. Gemeinsam schauen wir uns immer an, wo unsere verborgenen Stärken in der Impulsivität und Vielseitigkeit liegen? Wie können wir Strukturen schaffen, die nicht einengen, sondern Halt geben, um die Reizflut zu navigieren?

Es geht darum, Frieden mit der eigenen Art zu denken zu schließen. Wir sortieren gemeinsam das Chaos, lenken den Blick auf persönlichen Werte und entwickeln Strategien, um wieder das Steuer übernehmen zu können.

Legen Sie ihre Maske ab

Sie erkennen sich wieder? Dann lade ich Sie ein, ein Stück Ihres Weges gemeinsam mit mir zu gehen, ganz ohne Maske.

 

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