Sinn finden, wenn die Welt erdrückend wirkt

Die Last der Welt auf den eigenen Schultern

Es gibt Momente, in denen sich die täglichen Nachrichten weniger wie reine Informationen und mehr wie ein schweres Gewicht auf unseren Schultern anfühlen. Waldbrände, Überschwemmungen, Hitzewellen – Klimaangst? Wenn wir uns tiefgreifende Sorgen um die Klimakrise, den Zustand unseres Planeten und die Zukunft machen, auf die wir zusteuern, sind wir damit nicht allein. Dieses bedrückende Gefühl der existenziellen Sorge, oft als „Eco-Anxiety“ oder Klimaangst bezeichnet, wird zu einer immer alltäglicheren Begleiterscheinung unserer Zeit. Für viele fühlt es sich an, als stünde man am Ufer und sähe einem herannahenden Sturm zu, ohne flüchten zu können.

Klimaangst ist keine Störung – sie ist menschlich

Wenn Klientinnen und Klienten mit diesem lähmenden Weltschmerz zu mir in die Praxis kommen, ist mein erster Impuls nicht, diesen Zustand zu pathologisieren. Die Angst vor einer realen, herannahenden Bedrohung ist keine Störung. Sie ist eine zutiefst menschliche, gesunde Reaktion. Sie zeigt, dass wir hinschauen, dass wir mitfühlend sind und die Verletzlichkeit unserer Umwelt erkennen. Der Philosoph Albrecht Glenn prägte den Begriff „Solastalgie“ für den Schmerz, den wir empfinden, wenn sich die vertraute Heimatwelt um uns herum unwiderruflich verändert. Dieser Schmerz ist der Preis für unsere Verbundenheit mit der Erde. Er darf sein.

Die Lähmung der Ohnmacht verstehen

Problematisch wird es erst, wenn diese Angst zu einem inneren Gefängnis wird, das den Alltag diktiert und die Lebensenergie raubt. Das schiere Ausmaß der globalen Krise führt bei vielen Menschen zu einer tiefen Ohnmacht. Wenn wir das Gefühl haben, als Einzelne ohnehin nichts ausrichten zu können, reagiert unsere Psyche oft mit Erstarrung oder Zynismus. Zynismus ist jedoch meist nur enttäuschte Hoffnung und ein Schutzpanzer gegen die Verzweiflung. In der Therapie schauen wir behutsam hinter diesen Panzer. Wir geben der Angst den Raum, den es braucht, damit sie den Menschen nicht länger unbewusst steuert.

Zwischen Ohnmacht und innerer Freiheit

In der Existenzanalyse und Logotherapie nach Viktor E. Frankl gehen wir davon aus, dass uns selbst angesichts von Umständen, die wir nicht im Alleingang kontrollieren können, immer ein Raum der inneren Freiheit bleibt. Frankl nannte dies die „Trotzmacht des Geistes“. Dennoch, wir können die globale Klimakrise nicht in einer psychotherapeutischen Sitzung lösen, aber wir können grundlegend verändern, wie wir uns zu ihr verhalten. Wir lernen also zu unterscheiden in was die unabänderlichen Fakten der Makro-Welt sind, und wo unser ganz persönlicher, mikrokosmischer Gestaltungsspielraum liegt.

Perfektionismus loslassen, Sinn im Kleinen finden

Ein großer Teil der Eco-Anxiety speist sich aus dem Druck, das Problem perfekt lösen zu müssen. Wer versucht, zu 100 Prozent klimaneutral zu leben, scheitert zwangsläufig an den systemischen Realitäten unserer Gesellschaft und bleibt frustriert zurück. Deshalb geht es nicht darum, im Alleingang die Welt zu retten. Es geht darum, das persönliche „Trotzdem-Ja zum Leben“ zu finden. Das bedeutet, kleine, wertebasierte Entscheidungen zu treffen, die persönlichen Sinn stiften, ohne sich von den Dingen, die außerhalb unserer Kontrolle liegen, aufzehren zu lassen. Wir erforschen, wie unsere Gefühle der Hilflosigkeit in sinnvolles, machbares Handeln verwandeln können.

Trauer zulassen und neue Verbundenheit spüren

Ein wesentlicher Schritt auf diesem Weg ist auch die Akzeptanz von Trauer. Es ist in Ordnung, um Tierarten, Landschaften oder eine unbeschwertere Vorstellung der Zukunft zu trauern. Wenn wir diese Trauer nicht länger wegdrücken, kann paradoxerweise eine neue, tiefere Verbundenheit zur Natur entstehen. Anstatt in die ständige Zukunftsangst abzudriften, üben wir, uns wieder im Hier und Jetzt zu verankern, etwa bei einem Spaziergang im Wald, wo wir nicht an die Rodung denken, sondern die Kraft des Baumes im jetzigen Moment spüren.

Der erste Schritt in die Zukunft

Wir sollten unsere mentale Gesundheit schützen, ohne die Augen vor der Realität zu verschließen. So wird es wieder möglich, ein Leben im Einklang mit unseren Werten zu führen, selbst wenn draußen der Sturm tobt. Es kann herausfordernd sein, mit dieser existenziellen Angst umzugehen. Gerne begleite ich Sie auf einem Stück dieses Weges.

 

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