Es ist ein ganz natürlicher Impuls: Wenn etwas schmerzt, wollen wir, dass es aufhört. Wenn unser Auto seltsame Geräusche macht, bringen wir es in die Werkstatt, der Mechaniker tauscht ein Teil aus, und der Wagen läuft wieder. Mit einer ähnlichen Hoffnung betreten viele Menschen erstmals eine psychotherapeutische Praxis. Der Wunsch ist verständlich: „Bitte machen Sie, dass diese Angst verschwindet“ oder „Reparieren Sie mich, damit ich wieder funktioniere.“
Symptome sind Signale, keine Defekte
Doch leider lässt sich die menschliche Seele nicht wie ein Motor reparieren. Wir sind keine Maschinen, bei denen man defekte Teile einfach austauscht. Der Versuch, Symptome wie Traurigkeit, Erschöpfung oder Panik einfach nur „wegzumachen“, greift oft zu kurz. Denn diese Symptome sind selten bloße Fehlfunktionen. Meist sind es wichtige Signale. Sie weisen uns darauf hin, dass in unserem Leben etwas nicht mehr stimmig ist, dass wir Werte vernachlässigt haben oder dass eine Grenze zu lange überschritten wurde.
Den gesunden Kern wiederentdecken
Deshalb verstehe ich meine Aufgabe nicht als die eines Mechanikers, sondern eher als die eines Wegbegleiters. Ich kann und werde meine Patientinnen und Patienten nicht „heilen“ in dem Sinne, dass ich etwas an ihnen korrigiere, während sie passiv warten. Echte Veränderung geschieht immer dann, wenn wir gemeinsam verstehen, wozu das Symptom da ist und was es uns sagen will.
Dieser Perspektivwechsel ist für viele zunächst ungewohnt, aber er ist unglaublich befreiend. Er bedeutet nämlich, dass meine Patientinnen und Patienten nicht „kaputt“ sind. In der Existenzanalyse gehen wir davon aus, dass der gesunde Kern der Person – das, was uns im Tiefsten ausmacht – immer intakt bleibt, auch wenn er momentan von Leid überlagert ist. Unsere Arbeit besteht deshalb darin, diesen gesunden Kern wieder freizulegen.
Aktiv gestalten statt passiv erdulden
Statt einer schnellen Reparatur gestatlen wir gemeinsam ein Prozess der Entdeckung. Wir schauen uns an, über welche Ressourcen wir als Menschen verfügen und wie wir wieder Zugang zur eigenen Kraft finden. Das erfordert jedenfalls immer viel aktive Mitarbeit. Therapie ist keine Behandlung, die man über sich ergehen lässt, sondern eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben.
Das Ziel ist dabei nicht das bloße Wiederherstellen des alten Zustands oder des „Funktionierens“, sondern oft ein Neubeginn. Wer sich vom Gedanken des Repariert-Werdens löst, gewinnt die Freiheit, sein Leben nicht nur wieder zu ertragen, sondern es neu und authentisch zu gestalten.